100 Jahre Frauenwahlrecht: ein Meilenstein in der Geschichte - auch im Kreis Borken - Gleichstellungsbeauftragte des Kreises planen Veranstaltungsreihe mit frauenpolitischen Themen / Politisches Engagement von Frauen stärken

Am 19. Januar 1919 war es soweit: Erstmals konnten Frauen und Männer nach dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht im Deutschen Reich und damit auch im Westmünsterland wählen und gewählt werden. Vorausgegangen war ein langer Kampf, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. "Die Frauen, die das Wahlrecht erstritten haben, brauchten Mut, Ausdauer und Phantasie. Immer wieder aufs Neue mussten sie sich mit Vorbehalten, Vorurteilen und Verboten auseinandersetzen", sagt Irmgard Paßerschroer, Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Borken. So fand der Politiker Hermann Jakobs 1893: "Die Stimme der Frau taugt ja schon gar nicht zu politischen Reden." Auch der  preußische Innenminister von Hammerstein erklärte im Jahr 1902, dass die leichte Erregbarkeit von Frauen das Volk zu sehr irritieren würde. Deshalb hätten sie in der Politik nichts verloren. Rund 82 Prozent der wahlberechtigten Frauen gingen am 19. Januar 1919 erstmals zur Wahl. Die Sozialdemokratin Marie Juchacz hielt als erste Frau eine Rede in der Nationalversammlung und stellte fest: "Meine Herren und Damen! Es ist das erste Mal, dass eine Frau zum Volke sprechen kann […]. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist." Ihre Anrede "Meine Herren und Damen" stieß damals noch auf Belustigung bei den Männern. Der Protokollführer notierte "Heiterkeit". Damit begann die Zeit der Gleichberechtigung im deutschen Parlament. 37 weibliche Abgeordnete erhielten ein Mandat, das war ein Anteil von 9,6 Prozent. "Das klingt aus heutiger Sicht nicht hoch, allerdings wurde dieser Anteil im Bundestag von 1949 bis 1980 nicht wieder erreicht. Erst 1984 betrug der Anteil der Frauen 9,8 Prozent – und somit geringfügig mehr als 60 Jahre zuvor", konstatiert Ute Schulte, Gleichstellungsbeauftragte des Stadt Rhede. Über 30% sind es erst seit 1998.  2019 beträgt der Frauenanteil im Deutschen Bundestag 31Prozent.

Aber wie sah die Entwicklung im Kreis Borken aus?

Das erste weibliche Kreistagsmitglied war ab 1922 die Lehrerin Elisabeth Brüning aus Klein-Reken. Sie gehörte der Zentrumspartei an und war bis 1933 Mitglied im Kreistag. "Sie wurde als  ‚Fräulein Brüning‘ bezeichnet, was deutlich macht, dass sie ledig war und bei einer Eheschließung aufgrund des sog. ‚Lehrerinnenzölibates‘ ihren Beruf als Lehrerin hätte aufgeben müssen und damit auch die bis dahin erworbenen Pensionsansprüche verloren hätte", erläutert Sabine Rentmeister, Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Reken. Ein weiteres weibliches Kreistagsmitglied war Antonia Schulze Holthausen von der Zentrumspartei. Sie war die Ehefrau des "angesehenen Landwirtes Friederich SchulzeHolthausen" aus Ramsdorf-Kirchspiel und war von 1925 bis 33 Mitglied des Kreistages. Weitere weibliche Mitglieder des Borkener Kreistages waren zu der Zeit die Geschäftsinhaberin Louise Kerhoff und die Lehrerin Agnes Preußen aus Borken. Elfriede Leupold von der SPD war von 1948 bis 1969 die einzige Frau im Ahauser Kreistag, davon zeitweise Stellvertreterin des Landrates.

Die Gleichstellungsbeauftragten freuen sich darüber, dass  in den vergangenen Jahren in der Runde der hauptamtlichen Bürgermeisterinnen und Bürgermeister auch Frauen Einzug gehalten haben. Immerhin vier Bürgermeisterinnen haben jetzt im Kreis Borken das Ruder in der Hand: Sonja Jürgens in Gronau, Mechthild Schulze Hessing in Borken, Dagmar Jeske in Velen und  Karola Voss in Ahaus.

"In vielen gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Bereichen besteht auch heute noch Handlungsbedarf", sind sich die Gleichstellungsbeauftragten des Kreises einig. "Die berufliche Gleichstellung von Männern und Frauen, die Aufwertung der sozialen Berufe und der Schutz vor Gewalt  sind einige weitere wichtige Themen, für die wir uns als Gleichstellungsbeauftragte stark machen", so Irmgard Paßerschroer. Eine faire und gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an politischen Entscheidungen sei notwendig und gewinnbringend. Nur dann könne eine Gesellschaft diese Themen im Interesse aller voranbringen und entsprechende Gesetze und Maßnahmen verabschieden. "Qua Gesetz sind Frauen gleichberechtigt – die Realität sieht in vielen Bereichen aber noch ganz anders aus", stellt Edith Brefeld, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Gronau, heraus.

Die Gleichstellungsbeauftragten führen in diesem Jahr mehrere Veranstaltungen zu frauenpolitischen Themen durch. "Wir denken dabei beispielsweise an Talkrunden mit Politikerinnen und Politikern zu aktuellen Themen, die Frauen sensibilisieren und ermutigen sollen, sich einzumischen und sich politisch zu engagieren", kündigt Anna Grütering-Woeste, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Borken, an. Auch das kult in Vreden wird das Thema Frauenwahlrecht aufgreifen: Am 23.Februar findet dort um 11.30 Uhr ein Vortrag zum Thema "Politische Partizipation von Frauen in Westfalen während der Weimarer Republik" statt. Referentin ist Dr. Julia Paulus, die wissenschaftliche Mitarbeiterin am LWL-Institut für Regionalgeschichte und Lehrbeauftragte an der WWU in Münster ist. Kooperationspartnerinnen sind die Gesellschaft für historische Landeskunde des westlichen Münsterlandes und die kommunalen Gleichstellungsbeauftragten im Kreis Borken.

Frauen in den Räten der Kreis-Kommunen

Die ersten Frauen, die Einzug in die Kommunalparlamente im Kreis Borken hielten, waren 1919 in Bocholt Ida Albers von der Verständigungsliste, Christine Sütfels von der Verständigungsliste/Zentrumspartei und Jeannette Wolff von der SPD. Als Jüdin wurden sie und ihre Familie in der Nazizeit verfolgt. Nur durch glückliche Umstände überlebte sie das Konzentrationslager, während ein Großteil ihrer Familie in den Vernichtungslagern zu Tode kam. Trotz dieser schrecklichen Erlebnisse engagierte sie sich weiterhin in Politik und Gesellschaft, wurde später Abgeordnete in Berlin und danach sogar Mitglied im ersten Deutschen Bundestag. In der Weimarer Zeit, von 1931 bis 1932, war die Lehrerin Helene Drießen aus Bocholt für den Wahlkreis Westfalen-Nord im deutschen Reichstag vertreten.

In Gronau zog 1919 als erste weibliche Abgeordnete Maria Niggemeyer für das Zentrum in den Rat der Stadt ein. Auch sie gehörte dem ersten deutschen Bundestag an und war Vorsitzende des Ausschusses für Fragen der öffentlichen Fürsorge. Obwohl die Zahl der weiblichen Abgeordneten in der Weimarer Zeit eher rückläufig war, konnten die wenigen Parlamentarierinnen doch wichtige Rechtspositionen der Frauen durchsetzen, wie beispielsweise das Mutterschutzgesetz oder die Zulassung von Frauen als Richterinnen.

In den anderen Kommunen des Kreises sollte es noch lange Jahre dauern, bis Frauen nach und nach stärker vertreten waren. So zog in Borken als erste Frau 1929 die 56-jährige Adelheid Diederichs von der Zentrumspartei in die Stadtverordneten-Versammlung ein. 1930 rückte Maria Berger, Ehefrau eines Maurers und damit eine Frau aus der Arbeiterschaft, nach. "Als ,Ehefrau Josef Berger‘ wurde sie im Sitzungsprotokoll bezeichnet – denn die Frauen wurden in der Weimarer Zeit in der Öffentlichkeit überwiegend über ihre Ehemänner definiert", so Anna Grütering-Woeste. Erst im Jahr 1956 gab es im Gemeinderat in Gescher eine Abgeordnete, nämlich Christine Helmsen von der CDU-Fraktion. Die erste Frau, die in Rhede in den damaligen Gemeinderat gewählt wurde, war 1969 Margot Bußkamp von der CDU (geboren 1927). In Ahaus wurden  im gleichen Jahr die ersten Frauen in den Stadtrat gewählt:  Elfriede Berends von der SPD und Josefine Müller von der CDU. Auch in Stadtlohn wurde 1969 mit Hedwig Wittmann erstmals eine CDU-Abgeordnete Mitglied des Rates. Erst 1975 kam in Isselburg Ursula Biermann (CDU) als erste Frau in den Stadtrat. In Reken wurden im selben Jahr Hilde Eversmann und  Hedwig Pennekamp für die CDU und Maria-Theresia Müter für die UWG in den Rat gewählt. In Raesfeld verstärkte Brigitte Langer von der SPD-Fraktion erstmals den Gemeinderat. Maria Mümken von der CDU und Walburgis Stroetmann von der SPD haben für Vreden Pionierarbeit geleistet. 1975 waren sie die ersten Frauen im Vredener Stadtrat. Erst 1979 hielten in Velen die Frauen Einzug in den Gemeinderat: Luzie Fragemann, Änne Dieker und Ingrid Räwer, alle drei von der CDU-Fraktion.

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