Ausstellung "Johanna Reiss - Leben, um davon zu erzählen" bis zum 29. Mai 2019 im Borkener Kreishaus - Bewegendes Schicksal eines jüdischen Kindes in den von Deutschland während des 2. Weltkriegs besetzten Niederlanden / Führungen sind möglich

"Johanna Reiss – Leben, um davon zu erzählen" – so lautet der Titel der Ausstellung im Borkener Kreishaus, die jetzt eröffnet wurde und nun bis zum 29. Mai 2019 zu sehen ist. Dokumentiert wird das bewegende Schicksal eines jüdischen Mädchens in den von Deutschland während des 2. Weltkriegs besetzten Niederlanden. Fast drei Jahre lang musste die junge Winterswijkerin – sie hieß damals Annie de Leeuw – im Krieg "untertauchen", um die Zeit der Judenverfolgung zu überleben. Ihre Schwester Sini und sie versteckten sich mithilfe mutiger Mitmenschen bis zur Befreiung der Niederlande 1945 auf einem Hof in Usselo bei Enschede. Ein umgebauter Wandschrank diente in dem Haus als Notversteck. Ein originalgetreuer Nachbau wird im Kreishaus gezeigt, so dass die Besucherinnen und Besucher im Wortsinne nachempfinden können, in welcher Bedrängnis sich die Kinder damals befanden. Johanna Reiss selbst hat die Ausstellung – dazu gehören auch Fotos, Dokumente und ein Interviewfilm – gemeinsam mit dem "Kolle Kaal Förderverein" und der "Vereniging Het Museum" zusammengestellt.

Kreisdirektor Dr. Ansgar Hörster, Borkens Bürgermeisterin Mechtild Schulze Hessing, Sixtina Harris (von "Kolle Kaal") sowie Winterswijks Beigeordneter Wim Aaldering machten bei der Eröffnungsveranstaltung deutlich, wie wichtig die Botschaft der heute 87-jährigen, in New York lebenden Johanna Reiss auch heute sei. Als Zeitzeugin engagiere sie sich dafür, die Erinnerung an die schreckliche Zeit des Nationalsozialismus, des 2. Weltkrieges und der Judenverfolgung als Mahnung für nachfolgende Generationen wachzuhalten. Trotz des erlittenen eigenen Schicksals setze sie sich mit Herzblut für Toleranz ein. So lege sie bei Informationsveranstaltungen in Schulen den jungen Menschen immer ans Herz, niemals andere zu hassen.

Kreisdirektor Dr. Hörster wies in dem Zusammenhang auf aktuelle besorgniserregende Kriminalstatistiken hin, die einen Anstieg der antisemitischen Straftaten um 20 Prozent ausweisen. Beigeordneter Aaldering lobte den Mut der niederländischen Bauersfamilie, die die beiden jüdischen Mädchen versteckt hatte, obwohl seinerzeit dafür schwerste Strafen drohten.

Zu sehen ist die Ausstellung während der Öffnungszeiten der Kreisverwaltung: montags bis mittwochs von 8 bis 16 Uhr, donnerstags von 8 bis 18 Uhr und freitags von 8 bis 12.30 Uhr. Auf Anfrage sind vor allem für Schulklassen Führungen möglich (Anmeldungen unter Tel. 02861/61523 oder per Mail an info@kolle-kaal-foerderverein.de). 13 Klassen haben sich bereits angemeldet.

Zum Hintergrund:

Johanna Reiss wanderte nach dem Zweiten Weltkrieg in die Vereinigten Staaten aus. 1972 debütierte sie als Schriftstellerin mit dem Buch "The Upstairs Room". Darin beschreibt sie die dunkle Periode ihrer Jugend. Das Werk wurde ein internationaler Bestseller und erschien in Dutzenden von Ländern in der Übersetzung. Allein in den Niederlanden wurden mehr als 80.000 Exemplare verkauft mit dem Titel "De schuilplaats". In Deutschland heißt es "Und im Fenster der Himmel". 2016 erhielt Johanna Reiss die Ehrenmedaille der Gemeinde Winterswijk wegen ihrer besonderen Bedeutung für die Stadt.

Seit 1997 organisiert Sixtina Harris (früher Vreden, heute Borken) Exkursionen für deutsche Schülerinnen und Schüler nach Winterswijk. Die Spurensuche durch Winterswijk nach Orten aus dem Buch von Johanna Reiss beeindruckt die Jugend tief. Der Besuch der Achterhoek-Gemeinde ist Teil eines umfassenden Unterrichtspakets, das die 2004 u. a. von Sixtina Harris gegründete Stichting "Vrienden van Kolle Kaal" für den Unterricht entwickelt hat. Die Stichting pflegt viele Kontakte zu Vereinen, Organisationen und deutschen Behörden. Sie organisiert die alljährlichen Lesungen von Johanna Reiss in Deutschland und manchmal auch in den Niederlanden. 2012 erhielt die Stichting eine besondere Anerkennung der Bundeszentrale für Politische Bildung im Rahmen des Wettbewerbs "Aktiv für Demokratie und Toleranz 2012". 2017 bekam Sixtina Harris den "Naoberpreis" der Stadt Winterswijk. Er wird vom Gemeinderat an Personen, Organisationen oder Vereine verliehen, die einen bedeutenden Beitrag zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Winterswijk und ihren deutschen Nachbargemeinden geleistet haben.

Johanna Reiss und Sixtina Harris sind dann 2018 für ihre Verdienste um die Erinnerungskultur vom niederländischen König zu Rittern im Orden von Oranje-Nassau ernannt worden.

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