"Wenn die Seele brennt....muss der Kopf Wasser holen!" - Fachtagung des "Runden Tisches GewAlternativen" / Vortrag von Trauma-Experte Dr. Christian Lüdke

Rund 140 Fachleute aus ganz unterschiedlichen Bereichen kamen jetzt anlässlich der alljährlichen Fachtagung des "Runden Tisches GewAlternativen" ins Borkener Kreishaus. Der renommierte Trauma-Experten Dr. Christian Lüdke hielt dort einen Vortrag zum Thema: "Wenn die Seele brennt… – Psychologische Soforthilfe nach Häuslicher Gewalt".

In seiner Begrüßungsansprache hob Landrat Dr. Kai Zwicker hervor, dass es dem "Runden Tisch" gelungen sei, den international gefragten Ansprechpartner für den Fachvortrag in Borken zu gewinnen. Wann immer kriminalpsychologisches Know-how gefragt sei, stehe der klinische Hypno- und Verhaltenstherapeut mit fundierten Statements Rede und Antwort: sei es bei Akutinterventionen nach belastenden Ereignissen wie Entführungen, Amokläufen, Unglücken, Terroranschlägen und Naturkatastrophen oder bei ganz persönlichen Traumata. Dr. Lüdke leitet die Firma Terapon, die seit vielen Jahren Opfern von Gewalt und Kriminalität hilft wie beispielsweise den Opfern der Anschläge in New York, Djerba und Paris.

In seinem Vortrag ging der Experte auf die typischen Reaktionen, Symptome und Verläufe nach traumatischen Erlebnissen ein: "Sowohl die Opfer als auch die Helferinnen und Helfer können schnell an ihre Grenzen stoßen und sich dann überfordert fühlen", erläuterte Dr. Lüdke. Die Folgen seien nicht selten psychische Belastungsstörungen wie Angst und Depression. Außerdem bestehe die Gefahr einer sekundären Traumatisierung im Sinne von "Ich fühle, was Du fühlst!" Der Referent schilderte, dass jedes auch noch so schwere Lebensereignis aus eigener Kraft verarbeitet werden könne. Die Psychotherapie-Forschung habe untersucht, was einem Menschen in einer schwierigen Lebenssituation am meisten helfe: Das Erstaunliche sei, dass die beste Hilfe die unmittelbare Anwesenheit einer stabilen, vertrauten Person sei. "Es muss ein Mensch sein, der nicht weinend vom Stuhl fällt, wenn ich ihm etwas Schlimmes erzähle", erklärte Dr. Lüdke und unterstrich: "Therapeutinnen und Therapeuten können vor allem die Menschen, die keine vertraute Person haben, dabei unterstützen, das Erlebte aus eigener Kraft zu verarbeiten." Im Leben des Menschen gebe es immer wieder Krisen, die nicht per se schlecht seien, sondern auch Widerstandskraft für kommende Herausforderungen erzeugen und zu einem bewussteren Leben führen können. Im präventiven Bereich seien neben einer gesundheitsbewussten Lebensweise die Schlüsselwörter "Bindung" und "Bildung" hervorzuheben.

Über die aktuellen Zahlen häuslicher Gewalt im Kreis Borken informierte Landrat Dr. Kai Zwicker die Gäste. Die Kreispolizeibehörde Borken habe von Januar bis September dieses Jahres bereits 476 Fälle häuslicher Gewalt registriert. Im Vorjahr seien es 434 Fälle gewesen. Hier sei also ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen. In 269 Fällen sei es zu Körperverletzungen gekommen. Auch das seien immerhin 28 Fälle mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. In 52 Fällen hätten Betroffene Strafanzeigen wegen gefährlicher Körperverletzung gestellt. Die deutlichste Differenz zum Vorjahr ergebe sich aber aus der Anzahl der Wohnungsverweisungen und Rückkehrverbote, die die Polizei ausgesprochen hätte: Mit 214 Fällen sei eine deutliche Steigerung gegenüber dem Vergleichszeitraum in 2016 festzustellen. Hier seien es noch 173 Maßnahmen gewesen, also 41 Fälle weniger als im aktuellen Berichtszeitraum. In 174 Fällen habe die Polizei die Opfer an Beratungsstellen vermittelt. Damit musste die Polizei insgesamt wieder mehr Strafanzeigen bearbeiten als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Diese Zahlen würden also nicht zwangsläufig bedeuteten, dass die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt tatsächlich gestiegen sei, so Dr. Zwicker. Schließlich wachse die Bereitschaft, Fälle häuslicher Gewalt öffentlich zu machen beziehungsweise diese zur Anzeige zu bringen. "Wir gehen  davon aus, dass es durch verstärkte Sensibilisierung, Öffentlichkeitsarbeit, Aufklärung und Prävention gelungen ist, das extrem hohe Dunkelfeld in diesem Bereich weiter zu lichten", sagte der Landrat. Schätzungen würden nämlich davon ausgehen, dass die Dunkelziffer im Bereich der häuslichen Gewalt bei ca. 90 Prozent liege. Dies zeige, wie wichtig das gemeinsame Engagement gegen häusliche Gewalt auch künftig sei. Für ihr großes Engagement in diesem sensiblen Problemfeld bedankte er sich bei den Tagungsteilnehmerinnen und Tagungsteilnehmern sowie insbesondere auch bei allen Mitgliedern des "Runden Tisches GewAlternativen".

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