Zum Inhalt springen

Kreisgeschichte

Grenzregion oder gar Stiefkind des Münsterlandes – über Jahrhunderte hinweg galt das Gebiet des heutigen Kreises Borken als wenig zukunftsfähig. Zum Erfolgsmodell wurde unser Westmünsterland erst seit wenigen Jahrzehnten. Es profitierte dabei zum einen vom Wegfall der europäischen Binnengrenzen und zum anderen vor allem von seinen tüchtigen familiengeführten, ebenso dynamischen wie innovativen mittelständischen Unternehmen.

Zwei Jahrhunderte Borkener Kreisgeschichte stehen für eine Vielzahl verschiedener Gesichter und Geschichten aus dieser Region. Etwa von großen Erfolgen, herben Rückschlägen und ständigen Veränderungen rund um die zwei Altkreise Ahaus und Borken (1816 bis 1974), die kreisfreie Stadt Bocholt (1923 bis 1974) und den seit 1975 bestehenden Westmünsterland-Kreis Borken, der zu einem Wachstumsmotor der gesamten Region geworden ist.

Nachfolgend beleuchten wir einige Schlaglichter aus 200 Jahren Geschichte des Kreises näher: heute für rund 365.000 Einwohnerinnen und Einwohner eine junge und innovationsträchtige Heimat, die ihr einst biederes Image längst abgestreift hat.
Wer sich weitergehend mit der Geschichte des Westmünsterlandes befassen will, sollte sich mit dem Kreisarchiv Borken in Verbindung setzen. Dort gibt es u. a. eine umfangreiche Präsenzbibliothek.

Ein Druckfehler schlich sich in den Beginn des heutigen Westmünsterlandkreises: Ahlen solle die Kreisstadt des Kreises Ahaus werden, verkündete das „Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Münster“ am 10. August 1816. Dass gerade den gewissenhaften preußischen Beamten dieser Fehler passieren konnte, scheint verwunderlich. Doch passte er zum schnellen Neuanfang nach dem Zusammenbruch der napoleonischen Herrschaft.

Mit der Gründung der Kreise Ahaus und Borken als Vorläufer des heutigen Kreises im August 1816 wurde gleichzeitig ein Schlussstrich unter jahrhundertealte Traditionen gezogen. Vorbei die Herrschaft des Fürstbistums Münster, ebenso vergessen die seit 1803 bestehende Herrschaft Frankreichs.

Sitz der neuen Verwaltungsbezirke an der Außengrenze der preußischen Provinz Westfalen wurden Ahaus und Borken, denn Bocholt als die größte Stadt der Region lag trotz seiner 3.849 Einwohner zu weit abseits. Jeder Bewohner sollte demnach den Kreissitz innerhalb eines Tages erreichen können und die tatsächliche Größe der Kreise entsprach zudem mit 34.241 (Kreis Ahaus) bzw. 35.518 Einwohnern (Kreis Borken) der beabsichtigten Obergrenze.

Viel Aufbauarbeit erwartete die ersten Landräte, den gerade 28-jährigen Clemens Mersmann (Ahaus) und den 35-jährigen Karl (von) Basse (Borken). Sie waren trotz ihres jugendlich anmutenden Alters bereits die geforderten „Männer von reifer Lebenserfahrung, erprobter Rechtschaffenheit und Ansehen unter den Kreiseinwohnern“.

An ihrer Seite standen lediglich der Kreissekretär, ein Schreiber sowie ein Kreisbote. Nicht viel Personal, doch mit der Leistungsfähigkeit der heutigen Kreisverwaltung war die damalige Aufgabe nicht vergleichbar. Ihr Hauptaugenmerk als verlängerter Arm des preußischen Staates lag in den ersten Jahren in der Bestandsaufnahme und der Vereinheitlichung der vorgefundenen Verhältnisse im Kreis sowie der Integration in den neuen Staat.

Die Landräte waren zwar angehalten für das „Emporkommen der Städte wirksam zu werden“, doch das in einem sehr bescheidenen Maß. Denn Schulen, Straßen, Landwirtschaft und Gewerbe waren nur mäßig entwickelt.

Der Fortschritt hielt sich also anfangs in Grenzen, wenngleich den Landräten zu ihrer Unterstützung seit Erlass der ersten Kreisordnung sogenannte „Kreisstände“ zur Seite standen. Diese bestanden aus lokalen Adeligen, Bürgermeistern und einflussreichen Personen. Doch da die Kreise bis 1841 keine eigenen Steuern erheben durften, blieb ihr Einfluss lange Zeit äußerst gering.

Manchmal braucht es einen konkreten Anlass, damit eine Angelegenheit ins Rollen kommt. Sprichwörtlich galt dies für den Ahauser Landrat Theodor von Heyden. Denn weil er wegen der schlechten Wege nur umständlich vom Landratsamt in Nienborg in die Kreisstadt kam, schlug 1855 die Geburtsstunde der Kreis-Chausseen im Kreis Ahaus. Ein Landrat konnte schließlich nicht unbequem reisen.

Die Entwicklung des Verkehrswegenetzes war lange Zeit eines der größten Vorhaben im Westmünsterland. Bereits 1817 erhielten die ersten Landräte höchste Order zur Bestandsaufnahme des Straßennetzes. Erwähnenswert waren da nur zwei Poststraßen von Münster nach Enschede bzw. von Coesfeld nach Bocholt. Für beide aber galt die Beschreibung „gebauet ist diese Straße nicht“, da sie nicht befestigt waren.

Kaum verwunderlich, dass der Straßenbau eines der größten Anliegen der Landräte ab etwa 1840 war. Sieben Jahre später bereits entstanden erste Kunststraßen ab Bocholt, Chausseen genannt. Eisenbahnen hingegen fehlten bis 1875 völlig. Planfeststellungsverfahren waren den damaligen Bewohnern noch fremd, Euphorie hingegen nicht. Ganz gleich ob Straße oder Bahn, diese ersten Boten des Fortschritts wurden von jubelnden Menschen begrüßt und gut genutzt.

Dabei waren die Kreise finanziell eher klamm. Erst ab 1841 konnten sie zweckgebundene Kreisabgaben erheben, die aber nur spärlich flossen. So erhielt der Kreis Borken 1860/61 jährlich nur 360 Taler aus dem Erlös von Jagdscheinen. Aufwändige Maßnahmen wie der Bau von Straßen konnte deshalb nur durch die Ausgabe von Anleihen gestemmt werden.

Daneben trieben die Landräte als „verlängerter Arm der Regierung“ den Aufbau der Kreisverwaltung voran. Zweimal pro Monat hielten sie Sprechtage in den Kreisstädten ab, waren für die Bewohner präsent. Zu ihrem Vorteil war auch die von Landrat Karl (von) Basse 1842 umgesetzte Gründung eines Landpolizeikommissariats für den Kreis Borken.

Die Unruhen der Jahre 1848/49 blieben in beiden Kreisen weitgehend folgenlos. Daraus resultierende politische Veränderungen wie die Einführung eines Kreisausschusses ergaben sich erst 1887 im Zuge einer für Westfalen neu erlassenen Kreisordnung. Darin wurde der Kreis ein „Kommunalverband zur Selbstverwaltung seiner Angelegenheiten“ und die Kreisausschüsse übernahmen staatliche Aufgaben der Kommunalaufsicht, Gewerbepolizei und der unteren Verwaltungsgerichtsbarkeit.

Aus den anfänglich sehr konservativen Landratsämtern war also ein recht fortschrittliches Instrument zur Lenkung der Kreis-Geschicke geworden.

Es war kein entspanntes Arbeiten im Borkener Landratsamt im Hause Lueb um die Jahrhundertwende. Bis zu sieben Beamte arbeiteten an langen Eichentischen gemeinsam in der Kanzlei und mussten bei größeren Arbeiten an den Musterungs- und Steuerlisten diesen Platz gar räumen.

Deshalb war der Umzug in das 1908 für 200.000 Mark erbaute neue Kreishaus am Piepershagen folgerichtig. Auch in Ahaus vergrößerte man 1899 und 1913 die Geschäftsräume, denn die Aufgaben der Landratsämter nahmen immer weiter zu.

Den damaligen Landräten, allen voran der Ahauser Friedrich Freiherr von Schorlemer-Alst und der Borkener Stephan Graf von Spee, lag vor allem die Entwicklung der Landwirtschaft sehr am Herzen. Dies zeigte sich in Initiativen zur Bodenverbesserung (der Melioration feuchter Landschaften sowie der Ödlandkultivierung großer Torfgebiete) entlang der Grenzen.

Damit verbunden wurde 1892 eine Landwirtschaftsschule in Velen gegründet, ländliche und gewerbliche Fortbildungsschulen entstanden fortan. Wie wichtig den Landräten die Bildung war, zeigt sich beispielsweise auch durch die skurrile Anekdote, dass ein 1911 gemeinsam von den Kreisen Ahaus, Borken, Coesfeld und Steinfurt angestellter Obstbauinspektor alsbald in Weseke einen eintägigen Obstverpackungskurs für Landwirte anbot.

Gleichzeitig wuchs die Bevölkerungszahl stark. Im Kreis Borken wohnten 1905 64.050 Menschen. Das sind 80 Prozent mehr als im Jahr 1816, während der Zuwachs im Kreis Ahaus immerhin 47 Prozent ausmachte (Bevölkerung 1905: 50.170). In diese Zeit, die durch große Armut der Textilarbeiter und Bauern gekennzeichnet war, fiel auch die Gründung der Kreissparkassen in Ahaus (1856) und Borken (1906). Beide hatten die Aufgabe, der breiten Bevölkerung sicheres Sparen und Vorsorge zu ermöglichen.

Eine tiefgreifende Zäsur aber erfasste die Landratsämter ab 1915. Im Zuge des Ersten Weltkriegs mussten immer mehr Kreisbedienstete an die Front. Dabei wuchsen die Aufgaben der Kreise, so hatten sie fortan die Unterstützung bedürftiger Soldatenfamilien, Kriegsbeschädigter und Hinterbliebener zu sichern. Diese Fürsorgestellen, die später weit über 1.000 betroffene Familien mit Geld und anderen Hilfen unterstützten, waren die Keimzellen der späteren Kreiswohlfahrtsämter.

Daneben übernahmen die Kreise auch die Zwangsbewirtschaftung. Dazu kauften Kreisbeamte etwa direkt geschlachtetes Vieh auf und ließen es über die Kreisfleischstelle auf die Gemeinden verteilen. Ihrer eigentlichen Aufgabe konnten sie aber nicht mehr nachkommen, stattdessen verwalteten sie bis Kriegsende nur die Not.

Als der Zweite Weltkrieg Ende März 1945 das Westmünsterland massiv erreichte, kam sämtliches Verwaltungshandeln gänzlich zum Erliegen. Neben tausenden Wohn- und Geschäftshäusern sowie Fabriken brannten auch die Landratsämter in Ahaus, Bocholt und Borken im Bombenhagel aus und beendeten eine seit 1918 recht erfolgreiche Kreisentwicklung.

Dabei hatten die Landkreise damals eine schwere Bürde zu tragen. Tausende Witwen und Kriegsheimkehrer mussten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs versorgt, Mangelwirtschaft verwaltet werden. Diese ersten Nachkriegsjahre waren geprägt durch politische Unruhen, die Besetzung des Ruhrgebiets und die Hyperinflation 1923.

Ein positives Signal jedoch war die erste freie Wahl des Kreistages im Februar 1922, bei der erstmals auch Arbeiter und Frauen in dieses Gremium einzogen. Mit der zwei Jahre später erfolgten Übertragung sozialer Aufgaben auf die Kreise wurden die Landratsämter auch für den Aufbau von Kreisjugendämtern sowie für die Arbeitslosen- und Erwerbslosenfürsorge zuständig.

Für Bocholt war der 1. September 1923 ein bedeutendes Datum. An diesem Tag wurde die knapp 30.000 Einwohner zählende Stadt kreisfrei. Im Kreis Borken lebten fortan nur noch rund 44.000 Einwohner (Kreis Ahaus rund 60.000), für diese verbesserte sich aber das Alltagsleben zusehends. Ab Ende 1922 erhielten Borken und Rhede als „Geschenk zu Weihnachten“ erstmals Strom. Durch Gründung von Kreiselektrizitätsgenossenschaften und den Anschluss an die Ferngasversorgung  kamen bis Ende der 1920-Jahre fast alle Städte und Gemeinden in diesen Genuss.

Die Machtergreifung durch die NSDAP ab 1933 hatte unmittelbare Folgen für alle Kreise. Zwar blieben die katholisch geprägten Landräte Felix Sümmermann (Ahaus, ab 1920) und Dr. Peter Cremerius (Borken, ab 1931) weiterhin im Amt, die Nationalsozialisten nahmen aber immer mehr Einfluss auf die Verwaltung und das politische Leben.

Schon 1933 wurden die Kreistage per Gesetzbeschluss formell entmachtet, im September 1939 folgten die Kreisausschüsse. Einzig handelndes Organ im Kreis blieben die Landräte, die fast ausschließlich staatliche Aufgaben ausübten. An ihrer Seite standen die Kreisleiter der NSDAP. Doch ihnen blieb mit fortlaufender Dauer des Krieges nur die aus dem Ersten Weltkrieg bestens bekannte Verwaltung der Kriegsfolgen – bis im Mai 1945 die Stunde Null auch für die Landkreise schlug.

Die Versöhnung begann mit Jutesäcken, Wollsocken und Strümpfen. Als im Februar 1953 die Hilfsaktion des Kreises Ahaus nach der niederländischen Unwetter- und Flutkatastrophe anrollte, war der Dank jenseits der Grenze groß. Es folgte eine langsame Normalisierung der Grenzbeziehungen, die spätestens mit der Wanderausstellung „Euregio 65“ eine ganz neue Qualität gewinnen sollte.

Noch acht Jahre zuvor bedeutete die „Stunde Null“ nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges buchstäblich einen totalen Neuanfang. Fast alle öffentlichen Einrichtungen der Kreise Ahaus und Borken und der kreisfreien Stadt Bocholt waren zerstört und überall fehlte es an Personal – was aber blieb, waren ungeheure Aufgabenberge. So galt es die Versorgung mit Brennstoffen, Nahrungsmitteln und Wohnungen zu organisieren, ebenso die Aufnahme und Verteilung zehntausender Kriegsheimkehrer und Heimatvertriebener.

Gleichzeitig erlebten die Kreise eine Wiederbelebung ihrer in den Vorkriegsjahren stark beschnittenen Stellung. Durch die revidierte (überarbeitete) Gemeindeordnung von 1946 kam zur Position des nunmehr ehrenamtlich tätigen Landrates die des hauptamtlichen Oberkreisdirektors hinzu. Sieben Jahre später wurden in einer neuen Kreisordnung die Kreise als Gemeindeverbände und Gebietskörperschaften in Selbstverwaltung definiert, die zugleich untere staatliche Verwaltungsbehörden darstellten.

Dies war zugleich Startschuss für eine Ausweitung ihrer Aufgaben zum Wohle aller kreisangehörigen Gemeinden. Die Förderung der Drainage nasser Böden gehörten ebenso dazu wie der Neu- und Ausbau beruflicher Schulen oder des Gesundheits-, Veterinär-, Vermessungs- und Katasteramtes. Krankentransport-  und Unfallrettungsdienste wurden übernommen, Straßen ausgebaut. Zwischen 1949 und 1974 verzeichnete der Kreis Ahaus allein rund 1.000 Kilometer neue Wege, der Kreis Borken immerhin 740 Kilometer.

Auch die Kreisverwaltungen benötigten neue Räumlichkeiten und Neubauten mussten her. Im Jahr 1966 vergrößerte sich die Ahauser Kreisverwaltung, 1969 zog die Borkener nach und 1977 bezog die Bocholter Stadtverwaltung das neue Rathaus am Berliner Platz.

Kreisfrei war Bocholt da allerdings nicht mehr, denn die Stadt wurde wie die beiden „alten“ Kreise selbst „Opfer“ einer landesweiten Modernisierungswelle: Weil zu klein und wenig leistungsfähig, gingen die Landkreise Ahaus und Borken sowie die bis dahin kreisfreie Stadt  Bocholt zum 1. Januar 1975 im neuen Westmünsterland-Kreis Borken auf.

In Teilen dieses neuen Kreises gab es zwar heftige Kritik gegen die Gebietsreform, der eine Neugliederung der Gemeinden vorausgegangen war. Doch zusammen mit Erle (vom Kreis Recklinghausen), der Stadt Gescher (vormals Kreis Coesfeld) und der Stadt Isselburg (vormals Kreis Rees) entstand der heutige leistungsfähige Großkreis mit den drei weißen Mauerankern im Wappen, die für die beiden Altkreise Ahaus und Borken und die Stadt Bocholt stehen.

Groß war unter Autofahrern der Jubel im Norden und Westen des Kreises, als im Februar 2013 die Kfz-Kennzeichen „AH“ und „BOH“ neben „BOR“ ihre Wiederauferstehung feierten. 38 Jahre nach der Neugliederung der Landkreise waren die alten lieb gewonnenen Schilder bereits fast vollständig aus dem Straßenverkehr verschwunden – mit ihnen aber auch ein Stück früheres Heimatgefühl im neuen Großkreis.

Als der Westmünsterland-Kreis Borken zum 1. Januar 1975 entstand, fanden rund 290.000 Einwohner aus 17 Städten und Gemeinden zunächst nur langsam zusammen. Maßgeblichen Anteil an diesem letztlich doch gelungenen Integrationsprozess hatten die engagierten Mitglieder des neuen Kreistages, Vertreter der neugebildeten überörtlichen Vereinigungen (beispielsweise der Kreissportbund) und namhafte Persönlichkeiten, wie bis 1992 der aus Ahaus stammende erste Landrat Franz Skorzak und Oberkreisdirektor Raimund Pingel (bis 1999 im Amt). Ihnen und den anfänglich rund 850 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kreisverwaltung – inzwischen sind es aufgrund von deutlichem Aufgabenzuwachs über 1.000 – oblag mit der Zusammenführung der Verwaltungen eine schwierige Aufgabe. Äußerlich war sie mit dem Bezug des neuen Kreishauses in Borken an der Burloer Straße Ende 1984 abgeschlossen. Doch ebenso wichtig war die wirtschaftliche Stärkung der ländlich strukturierten Region, etwa durch die erfolgreiche Arbeit der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Kreises. Denn durch den rasanten Niedergang der Textilindustrie in den 1970er- und 1980er-Jahren wuchsen Arbeitslosigkeit und Unmut.

Über Jahrhunderte hatte sich zudem die Grenzlage negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung ausgewirkt. Entsprechend große Hoffnungen ruhten im Rahmen des „Schengen-Abkommens“ ab März 1995 auf der Öffnung der 108 Kilometer langen Grenze zu den Niederlanden. Ganz erfüllt hat sich der grenzüberschreitende Traum aber bis heute nicht. Der Kreis Borken, seit jeher Grenz- und Randregion, befand sich jedoch plötzlich im Herzen eines grenzenlosen Europas. Als „wirtschaftlichen Tausendfüßler“ bezeichnete der 2009 aus dem Amt geschiedene Landrat Gerd Wiesmann seinen Kreis, der mittlerweile ein wichtiger Logistik-, Produktions- und Innovationsstandort geworden ist. Zustande gekommen ist diese positive wirtschaftliche Entwicklung im Wesentlichen „von innen heraus“, durch Existenzgründungen und Erweiterungen bestehender Unternehmen und die deutlich stärkere „Internationalität“ des Mittelstandes. Neue Branchenschwerpunkte wie zum Beispiel die Kunststoffindustrie oder aktuell die IT-Wirtschaft und die regenerative Energieerzeugung kamen hinzu.

Flankiert wurde diese positive Entwicklung durch die Einrichtung der Bocholter Fachhochschulabteilung im Jahr 1992, den Bau der Autobahn A31 ab 1982, die den Kreis von Nord nach Süd durchquert, oder den Ausbau des Bundesstraßennetzes. Jedoch dünnte sich im Gegenzug das Bahnnetz stark aus.

Wie attraktiv der in vielerlei Hinsicht junge Kreis unter Führung des Landrates Dr. Kai Zwicker zwischen Gronau und Raesfeld heute ist, beweist auch der Blick auf die fruchtbare „Kultur-Landschaft“ mit dem  Westfälischen Industriemuseum TextilWerk Bocholt, dem Rock‘n‘Popmuseum in Gronau, der Landesmusikakademie NRW in Heek-Nienborg, dem Künstlerdorf Schöppingen, zahlreichen Heimat- und Spezialmuseen, attraktiven Konzertreihen und jährlichen Events wie die „Deutsch-Niederländische Grafikbörse“ in Borken. So ist der Kreis „trotz“ Wiedereinführung der alten Kfz-Kennzeichen in seinen 200 wechselvollen Jahren zur Heimat für über 365.000 Menschen geworden.

Fröhliche Kinder in Kindergärten oder Schulen. Friedlich grasende Kühe in der Nähe großer Windräder. Pulsierende Gewerbegebiete unweit properer Städte. Viel beachtete kulturelle Veranstaltungen für großes und kleines Publikum. Wer mit dem Auto, besser noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder am besten mit der Fietse auf dem mehrere tausend Kilometer umfassenden Radwegenetz den Westmünsterland-Kreis Borken erkundet, dem bietet sich ein facettenreiches Bild. Jung ist der Kreis, trotz seiner 200-jährigen Geschichte. Jung, weil gut ein Fünftel der über 365.000 Einwohner unter 18 Jahre alt ist. Grün ist der Kreis zudem, vor allem deshalb, weil die münsterländische Parklandschaft die Region prägt. Doch auch, weil inzwischen durch Biogas, Windkraft oder Photovoltaik fast die Hälfte des Gesamtstromverbrauchs im Kreisgebiet aus erneuerbaren Energien selbst produziert wird - ein NRW-weiter Spitzenwert!

Dass der Westmünsterland-Kreis seit seiner Neubildung 1975 die einstigen stolzen Altkreise Ahaus und Borken sowie die selbstbewusste zuvor kreisfreie Stadt Bocholt vereint, scheint angesichts dieser Entwicklungen längst vergessen. Der Kreis verbindet dadurch Tradition und Zukunft, verzeichnet bislang eine außerordentlich positive Bevölkerungsentwicklung und verfügt über eine durch Vielseitigkeit gestärkte Wirtschaftsstruktur. Nach dem vollzogenen Strukturwandel bietet sich im Kreisgebiet ein Branchenmix aus dynamisch gewachsenen, in der Regel familiengeführten mittelständischen Unternehmen und neuen Schwerpunkten wie etwa IT-Wirtschaft oder die regenerative Energieerzeugung. Was sich auch direkt auf die Arbeitslosenquote im Bezirk der Arbeitsagentur Borken-Coesfeld auswirkt: Sie liegt seit Jahren sehr deutlich unter dem NRW-Landesdurchschnitt.

Für qualifizierten betrieblichen Nachwuchs sorgt dabei ein außerordentlich differenziertes Aus- und Weiterbildungssystem, das insbesondere von den Berufskollegs im Kreisgebiet geprägt ist. Überörtliche Einrichtungen wie die Berufsbildungsstätte Westmünsterland oder die Technische Akademie Ahaus bieten in Kooperation mit der Wirtschaft vielfältige Qualifizierungsmöglichkeiten. Daneben erfährt seit Jahren die Westfälische Hochschule in Bocholt große Resonanz, ebenso die auf die betriebliche Fort- und Weiterbildung ausgerichtete Handwerksakademie auf Schloss Raesfeld.

Es lebt sich gut im Kreis – und das immer besser. Als ländlich geprägte Region nimmt die Versorgung mit superschnellen Datenautobahnen bundesweit eine Spitzenstellung ein. Getreu der münsterländischen Devise „Wir packen´s selbst an“ findet sich überall ein Zusammenwirken unterschiedlichster gesellschaftlicher, wirtschaftlicher oder kultureller Netzwerke. Die kommunale Familie - 17 Städte und Gemeinden sowie der Kreis – ist intakt und die Kontakte über die 108 km lange, längst offene Grenze zu den Niederlanden sind eng. Dass sich vieles im Westmünsterland-Kreis Borken bewegt, dafür steht auch das Strukturprogramm „Regionale 2016“. Viele zukunftsweisende, für andere Landesteile beispielgebende Projekte können in diesem Rahmen verwirklicht werden. Dazu wird sicherlich das neue kulturhistorische Zentrum „kult“  in Vreden zählen, dessen Einweihung für Dezember 2016 geplant ist.

Unterwegs zu sein im Kreis bedeutet also auch immer ein Stück Veränderung zu erleben und womöglich mitzugestalten. Denn mit seiner 200-jährigen Geschichte ist der Westmünsterland-Kreis Borken nicht nur ein außerordentlich lebens- und liebenswertes Stück NRW, sondern – wie es der Titel der Regionale widerspiegelt –  auch „ZukunftsLAND“.

Ausgesprochen gerne besuchen Grundschulklassen aus dem ganzen Kreisgebiet im Rahmen ihres Sachkundeunterrichts das Borkener Kreishaus. Dort können die Mädchen und Jungen im Großen Sitzungssaal auf den Stühlen der Kreistagsabgeordneten Platz nehmen, in deren Rollen schlüpfen und dabei dann selbst erste kommunalpolitische Gehversuche unternehmen. Spielerisch lernen sie so die Aufgaben der Abgeordneten und den Ablauf von Kreistags- und Ausschuss-Sitzungen kennen. Sichtlich beeindruckt zeigen sich die Schulkinder auch von der anschließenden „Kreishaus-Rallye“, bei der sie in Kleingruppen auf allen Etagen des fünfstöckigen Verwaltungsgebäudes Aufgaben zu lösen haben: Hell und freundlich präsentiert sich ihnen wie allen Besuchern das Kreishaus an der Burloer Straße, wo – wie auch in den Nebenstellen der Kreisverwaltung – vielfältige Aufgaben und Anliegen von insgesamt rund 1.000 Kreisbediensteten bearbeitet werden.

Tatsächlich hat die Kreisverwaltung des Jahres 2016 mit der beengten Amtsstube der ersten Landräte vor 200 Jahren nichts mehr gemein. Modern, unkompliziert und auf Augenhöhe mit den Bürgern, das ist heute ihr Anspruch. Aus dem früheren Landratsamt als verlängertem Arm der preußischen Regierung ist ein öffentliches Dienstleistungsunternehmen für die rund 365.000 Bewohner des Westmünsterlandes geworden.

Im Kreishaus wirken Kreistag und Kreisverwaltung im Wortsinne unter einem Dach. Landrat Kai Zwicker leitet den Kreistag, dem 60 Abgeordnete von sieben Parteien oder Gruppierungen angehören: 31 der CDU, 14 der SPD, jeweils 5 der UWG und den Grünen, jeweils 2 der FDP und der Linken/Piraten-Gruppe, 1 der AfD. Die Mitglieder befassen sich im Kreistag sowie derzeit elf Fachausschüssen und weiteren Gremien mit verschiedensten Fragestellungen. Sie entscheiden insbesondere über den Kreishaushalt (Volumen 2016: knapp eine halbe Milliarde Euro), über die Übernahme neuer freiwilliger Aufgaben, über Planungen zum öffentlichen Nahverkehr, zu Kreisstraßen, zum Naturschutz oder zur Abfallentsorgung. Aktuelle Infos zum Kreistag finden sich im Internet unter www.kreis-borken.de/buergerinformation.

Der Landrat ist auch repräsentativer Vertreter des Kreises, Chef der Kreisverwaltung und der Kreispolizeibehörde. Stichwort Kreisverwaltung: Wenn auch für viele Bürgerinnen und Bürger der Kontakt damit meist in der Kfz-Zulassungsstelle beginnt und gleich auch wieder endet, sind die Aufgaben der insgesamt 16 Facheinheiten (früher Ämter genannt) des Kreises doch weitaus umfangreicher und weitgehend gesetzlich vorgegeben. Dazu zählen beispielsweise die Trägerschaft über die Berufskollegs, das Bildungsbüro, die Regionale Schulberatung, die Kultur- und Heimatpflege, die Aufsicht über Alten- und Pflegeheime, Pflegegeldzahlungen, das Schwerbehindertenwesen, gemeinsam mit den Kommunen die Jobcenter im Kreis, Kinder- und Jugendförderung, die Kita-Planung, Elterngeldzahlungen, der öffentliche Gesundheitsschutz, die Ausländerabteilung, das Rettungswesen mitsamt Kreisleitstelle, die Verkehrssicherheit, der Tierschutz, das Katasterwesen, Bauaufsicht und Wohnbauförderung, Natur- und Landschaftsschutz, die Aufsicht über die kreisangehörigen Städte und Gemeinden, die Kreisstraßen. Der Kreis kooperiert in vielen Aufgabenfeldern auch mit den Verwaltungen der 17 kreisangehörigen Städte und Gemeinden.

Es bräuchte schon einen ganz langen Atem, um alle einzelnen Aufgaben darzustellen. Wen es interessiert, der kann sich weitergehend bei der schon genannten Internetadresse www.kreis-borken.de  schlaumachen  – ständig aktuelle Infos vom Kreis gibt es auch via Facebook. Sein Angebot an Online-Dienstleistungen baut der Kreis weiter aus. So richtig „alt“ kommt es Besuchern des Kreishauses daher nur in einem Teil des Untergeschosses vor: Dort hat das Archiv seinen Sitz, das nach Terminabsprache auch interessierten Bürgerinnen und Bürgern für Recherchen zur Verfügung steht. Bürgerfreundlichkeit hat sich die Kreisverwaltung ohnehin auf ihre Fahnen geschrieben – lange Öffnungszeiten sind selbstverständlich. Auch die heimische Wirtschaft kann sich auf den Kreis verlassen, unter anderem helfen „Lotsen“ bei der Antragstellung im Bau- und Umweltbereich. Das dokumentiert das Gütezeichen „Mittelstandsorientierte Kommunalverwaltung“, eine Zertifizierung, die regelmäßig erneuert werden muss.

Gerade in Sachen Service zeigt sich somit, dass die Kreisverwaltung trotz inzwischen 200-jähriger Geschichte jung und dynamisch ist. Die typische frühere Beamtenstube sucht man hier vergebens. Und das wissen nicht nur die Viertklässler am Ende ihrer „Kreishaus-Rallye“.

# DSGVO-Konform geändern, efense, BS, 20210224 #